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PSYCHOPATHIE - EIN HISTORISCHER RÜCKBLICK

Der Fachbegriff Psychopathie (vom griechischen: psyche = Seele und pathein = leiden) ist von der Wortverbindung her das Leiden der Seele oder das Leiden an einer seelischen Störung.
Die frühere Definition, die lange Zeit gängig, bei genauem Nachdenken aber nicht unumstritten war, lautete:
Psychopathische Persönlichkeiten sind solche abnorme Persönlichkeiten, die unter ihrer Abnormität leiden oder an deren Abnormität die Gesellschaft leidet (Prof. Dr. K. Schneider, Heidelberg).
Die Abnormität der Persönlichkeit, also eine von der jeweils herrschenden gesellschaftlichen Norm abweichende Variante, soll beim Psychopathen angeboren bzw. auf der Grundlage einer abnormen Anlage lebensgeschichtlich entstanden sein. Das ist nebenbei noch heute gültig (siehe später). Meist äußert sich dies im Sinne einer "charakterlichen Abweichung", was sich dann auch störend auf das soziale Leben des Betroffenen und seines Umfeldes auswirkt.
Es wurde aber auch schon früher darauf hingewiesen, dass das Abnorme der abnormen Persönlichkeit bzw. Psychopathie gerade darin besteht, dass der Psychopath unter seiner eigenen Charakterstruktur nicht (zumindest nicht sonderlich) zu leiden pflegt, dafür aber die Schuld überwiegend bei anderen sucht. Das Leidens-Potential der Umwelt in einer Auseinandersetzung mit einem Psychopathen allerdings war und bleibt unbestritten. Psychopathen (oder heute die Persönlichkeitsstörungen) sind in der Mehrzahl der Fälle eine Last für die anderen (siehe die jeweiligen Spezial-Kapitel).
Zwar hat sich der deutsche Begriff "Psychopathie" in anderen Sprachen nicht oder nur randständig eingebürgert, doch findet man zumindest ähnliche Charakterisierungen schon früher in anderen Kulturen, wenn auch durch andere Fachbegriffe belegt (z. B. im angelsächsischen Bereich unter Soziopathie oder antisozialer Persönlichkeitsstörung).
Was die Psychopathologie des Psychopathen anbelangt (Psychopathologie: Lehre von den krankhaften Veränderungen des Seelenlebens), so fanden sich schon früher folgende beschreibende Charaktermerkmale:
- Starr, uneinsichtig, wenig flexibel (angepasst), insbesondere situationsunangepasst, unbeeindruckt von realen Gegebenheiten und den Konsequenzen des entsprechenden konfliktträchtigen Handelns.
- Extrovertiert: eher übertrieben nach außen, der Umwelt zugewandt.
- Projizieren ihre Schwierigkeiten auf die Umwelt (Projektion: Übertragung der eigenen Gefühlswelt auf andere, einschließlich Unterstellung eigener Gefühle, Wünsche, Begehrlichkeit, Vorurteile u.a.).
- Machen andere bzw. die herrschenden Umstände für ihre Probleme verantwortlich.
- Reagieren ihre inneren Spannungen an anderen ab (auch und nicht zuletzt bei still Leidenden mit der bekannten "stummen Vorwurfshaltung").

Beispiele früherer Einteilungsversuche: Obgleich schon früh deutlich wurde, dass keine klaren nosologischen Abgrenzungen (Nosologie = Krankheitslehre, systematische Beschreibung der Krankheiten) möglich sind, fanden doch zahlreiche (meist klinische bzw. gutachterliche) Einteilungsversuche in die praktische Alltags-Arbeit Eingang, meist unterteilt nach den am deutlichsten hervortretenden Charakterzügen. Dazu einige Beispiele aus früheren Lehrbüchern:
- anankastisch: zwanghaft
- asthenisch: von allgemeiner seelisch-körperlicher Schwäche
- autistisch: in der eigenen Vorstellungswelt gefangen
- dysphorisch: missmutig-verstimmt
- erregbar: unbeherrscht, explosibel, aus geringstem Anlass aufbrausend, Gefühlsentladungen, evtl. Gewalttaten
- fanatisch: überwertige Ideen, kompromisslos kämpfend, gelegentlich auch "matte Fanatiker", d.h. still, verschroben, sektiererisch
- geltungssüchtig: ständig nach Beachtung strebend
- gemütlos: ohne Mitgefühl, Nächstenliebe und zwischenmenschliche Bindung, "stahlharte Naturen", u.U. kriminell gefährdet
- haltlos: willensschwach, unzuverlässig, gut lenkbar, aber auch verführbar
- hyperthym: lebhaft, temperamentvoll, übermäßig vital und aktiv, gelegentlich auch reizbar-streitsüchtig
- hypochondrisch: ständig in furchtsamer (und klagsamer?) Abwehr gegen vermeintliche Krankheitsgefahren
- hypothym: temperamentlos, dumpf, gemütsarm, phlegmatisch (träge, leidenschaftslos, gleichgültig), stumpf
- paranoid: misstrauisch, rechthaberisch, halsstarrig, leicht kränkbar, alles auf sich selber beziehend
- querulatorisch: nörgelsüchtige Fanatiker, überempfindlich, unnachgiebig, unbeugsam, rechthaberisch
- schizoid: zurückgezogen, zwischenmenschliche Beziehungen meidend, unfähig, sich anderen zu öffnen und seine Gefühle zu zeigen
- selbstunsicher: unsicher, mangelndes Selbstvertrauen, schüchtern, mitunter überkompensatorisch "sicheres Auftreten"
- stimmungslabil: zu unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen neigend
- streitsüchtig: reizbar, ständig in Händel verstrickt
- depressiv: ernst, schwerblütig, gedrückt, pessimistisch, missmutig, Neigung zu trübsinnigen Grübeleien
sowie zahlreiche weitere Einteilungsvorschläge, die den hiesigen Rahmen sprengen würden.
Spätere Unterteilungen bevorzugten Wesensmerkmale wie nervös, ängstlich, empfindsam, zwanghaft, erregbar, triebhaft, sexuell pervers, hysterisch, verbohrt, verschroben u.a., was dann als zwanghafte, triebhafte, hysterische Psychopathie usw. diagnostiziert wurde.
Schließlich war man um verschiedene neue Fachbegriffe bemüht, vor allem um einer Stigmatisierungs-Gefahr durch den abwertenden Begriff Psychopathie zuvor zu kommen. Auf diese Weise bürgerten sich dann Fachbezeichnungen ein wie abnorme Persönlichkeit, abnorme Persönlichkeitsentwicklung, dissoziale Persönlichkeit, Soziopathie, Charakterneurose bzw. die heute gängige Persönlichkeitsstörung. Allerdings waren diese Begriffe untereinander nicht immer bedeutungsgleich, was die jeweilige Definition anbelangt, aber immerhin meist "bedeutungs-ähnlich".



 

Borderline Persönlichkeitsstörung
Depression

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